Der gefährlichste Ort für Frauen? Die SVP Schwyz


    Wermuths Roter Faden


    (Bild: zVg)

    Die Empörung war gross, als das Parlament im Dezember die nötigen Mittel für den Kampf gegen Gewalt an Frauen nicht bewilligen wollte. Eine halbe Million Menschen unterzeichneten innert Stunden eine Petition. SVP-Präsident Marcel Dettling fragte mich im Parlament, warum ich nicht endlich zugeben könne, dass Gewalt gegen Frauen vor allem ein «Ausländerproblem» sei. Meine Antwort lautete: Bernhard Diethelm.

    Bernhard Diethelm, ehemaliger Schwyzer SVP-Kantonsrat, wurde 2024 vom Obergericht Zürich verurteilt, weil er eine Sexarbeiterin verletzt hatte. Dank Diethelm erreichte die 33-köpfige Schwyzer SVP-Kantonsratsfraktion einen statistischen Wert von 3% Gewalttätern in ihren Reihen – fast 30-mal höher als der durchschnittliche Anteil von Gewaltstraftätern in der Gesamtbevölkerung. Rein statistisch war die Kantonsratsfraktion der SVP-Schwyz damit einer der gefährlichsten Orte des Landes.

    Sie finden dieses Beispiel empörend und willkürlich? Weil ich mir eine Gruppe zufällig ausgewählt, ein bestimmtes Merkmal herausgepickt und damit eine ganze Gruppe verdächtigt habe, obwohl sich die anderen 32 gar nichts haben zuschulden kommen lassen? Sie haben vollkommen recht. Genau das gilt auch für die dauernde Leier, Schuld an Gewalttaten seien «Ausländer».

    Auch dieses Merkmal ist nur eines von vielen, das die Täter und ihre Biografien ausmacht. Und die Gruppe ist völlig willkürlich. Fast alle Menschen sind fast überall auf der Welt Ausländer. Die meisten verbindet deutlich weniger miteinander als etwa eine gemeinsame Parteimitgliedschaft. Wissenschaftlich ist die Lage klar: Kontrolliert man Statistiken nach Geschlecht (Männer), Alter (jung) und Klasse (Bildung, Einkommen), verliert die Nationalität an Bedeutung. Wichtig ist das soziale Umfeld, in dem man aufwächst. Gerade bei Männern ist gut belegt, dass frühe Prägungen durch Rollenbilder entscheidend dafür sind, ob Gewalt gegen Frauen später als legitim betrachtet wird.

    Der ständige Verweis auf «die Ausländer» soll vor allem eines: ablenken. Ablenken davon, dass die Politik angesichts von 29 mutmasslichen Femiziden im Jahr 2025 schlicht komplett versagt hat. Und ablenken davon, dass das Hauptmerkmal, das die Täter vereint, vor allem eines ist: Es sind alle Männer. Gewalt gegen Frauen ‒ und übrigens auch gegen Männer ‒ ist vor allem Männergewalt. Sie hat viel mit der gesellschaftlichen Ungleichheit der Geschlechter zu tun und mit den Rollenbildern, die wir bewusst und unbewusst mit uns tragen. Geschlechtsspezifische Gewalt baut darauf auf. Es beginnt bei sexistischen Witzen, geht über machoides Verhalten, ungleiche Aufteilung von Hausarbeit, ungleiche Löhne und endet bei physischer Gewalt. Ich kenne keinen Mann, der sich gegenüber Frauen nicht auch schon übergriffig oder zumindest abfällig benommen oder geäussert hat ‒ mich eingeschlossen. Was wir ändern müssen, ist unser Verständnis von Männlichkeit.

    Es braucht mehr Akzeptanz für verschiedene Formen Mann zu sein ‒ und Frau und alles dazwischen und daneben. Das müssen Kinder bereits in der Schule lernen können. Es braucht mehr Ressourcen für den Schutz von Gewaltopfern, mehr Plätze in Frauenhäusern, bessere Ausbildung der Polizei. Und wir müssen die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen stärken, damit sie nicht in gewalttätigen Beziehungen bleiben. Dazu gehören bessere Löhne in Berufen mit hohem Frauenanteil (z.B. Pflege) und zahlbare Kitaplätze in der ganzen Schweiz.


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    Zur Person: Cédric Wermuth lebt mit seiner Familie in Zofingen, im Kanton Aargau. Er ist seit 2020 Co-Präsident der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz. Seit 2011 ist er Nationalrat und er vertritt die SP in den Kommissionen für Wirtschaft und Abgaben (WAK) und Finanzen (FK).

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